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Kriegserlebnisse in Nakachi auf der Insel Kumejima

„Kriegserlebnisse in Nakachi auf der Insel Kumejima“
Shōhan Nakamura (85)
(Geburtsort: Nakachi, Kumejima-son, Okinawa)

Damals herrschte der Militarismus. Die Führung hatte die Parole „Ständiger Kampf!“ ausgegeben. Wir mussten sogar das Flaggenalphabet lernen. Beim Sportfest bastelten der Frauenverein und der Jugendverein Strohpuppen von Churchill, Roosevelt oder Chiang Kai-shek, auf die wir dann mit Holzgewehren einstachen.

Als der Krieg anfing, hatte ich viel Angst. Jeden Morgen zitterten wir vor den Luftangriffen. Pünktlich um 8:00 Uhr kamen die Grummans angeflogen und eröffneten das Feuer.
Im heutigen Hafen Kanegusuku lagen viele Fischkutter, die auch beschossen wurden. Als wir Dritt- und Viertklässler bei einer Luftschutzübung gerade das Kommando „in Deckung gehen“ lernten, konnten wir sehen, wie sie einen Treffer nach dem anderen erlitten.

Der ehemalige Hafen Gushikawa wurde vollkommen zerstört. Es war eines Abends gegen fünf Uhr, als vier Jagdflugzeuge umherflogen und mit Maschinengewehr feuerten. Als man dachte, sie wären nach Süden abgezogen, kamen die vier in Formation wieder zurück und ließen aufs Neue Kugeln hageln. Ein Verwandter von mir wurde im Schlaf so schwer von einer Maschinengewehrsalve getroffen, dass Fleischfetzen umherflogen. Es war schrecklich.

Wir versteckten uns im Gebüsch tief in den Bergen. Ich erinnere mich daran, wie über uns Flugzeuge geschossen haben und Patronenhülsen vor uns auf den Waldboden fielen. Als ich versuchte, die Patronenhülsen in die Hand zu nehmen, waren sie unberührbar heiß.
Während der Luftangriffe versteckten wir uns in Bunkern. Als dann die Amerikaner an Land gingen, flüchteten wir in natürliche Höhlen.
Die Frauen mussten das Essen in der Nacht zubereiten, da man tagsüber kein Feuer machen konnte. Der Feind hätte sonst den Rauch bemerkt und uns gefunden.
Es versteckten sich immer zwei bis drei Gruppen zusammen. Es gab kleinere Höhlen, die „Gama“, und auch größere Höhlen, die im Dialekt „Haiējā-Gama“ genannt wurden. Manch einer kam aus Torishima oder Nakandakari, um in den „Gama“ Unterschlupf zu finden.

Die Soldaten der japanischen Armee hielten sich in gewöhnlichen Dörfern in den Bergen auf.
 Deren Bewohner wurden abwechselnd eingezogen, um beim Aufbau der Stellungen zu helfen. Man nannte das den Kriegshilfsdienst. Einfache Bewohner mussten die ganzen Arbeiten von Hand leisten, weil es ja keine Baumaschinen und Geräte gab. Ich weiß nicht, was passieren wäre, wenn man sich geweigert hätte.

Wir nannten die japanischen Soldaten immer „die Soldaten der Berge“.
Für mich sah es damals so aus, als ob die japanische Armee nie mit den Amerikanern kämpfte, sondern nur die Bevölkerung beaufsichtigte. Zwischen Gushikawa und Nakachi gab es einen Damm und man konnte aus dem Bunker sehen, wie dort mit Artillerie aufeinander geschossen wurde. Aber ich glaube, die Japaner hatten kaum Munition. Echte Schusswechsel gab es nur für kurze Zeit.

(Mord an der eigenen Bevölkerung)
Es gab damals einen 10-jährigen Jungen namens Kazuo Tanigawa, ein kluges Kind, das auch sehr sportlich war. Seine ganze Familie wurde von japanischen Soldaten umgebracht, weil man sie verdächtigte, Spione zu sein.
Dann war da ein Mann namens Eimei Miyagi, der ursprünglich von der Okinawa-Hauptinsel stammte und im Norden der Insel Kumejima auf einem großen Bauernhof Rinder hielt. Er wurde von einem Aufklärungstrupp der Amerikaner mitgenommen, später aber wieder freigelassen. Auch ihn verdächtigten unsere Soldaten des Verrats.

Eigentlich können der Bezirksbürgermeister von Kitahara und der Chef der zivilen Wachtruppe Keibōdan nicht gewusst haben, dass Miyagi von den Amerikanern abgeführt worden war, aber irgendjemand muss die japanischen Soldaten informiert haben. Sie kamen also mit dem Befehlshaber zum Haus von Herrn Miyagi, fesselten ihn mit Draht und zündeten das Haus an. Später habe ich sein verkohltes Skelett gesehen, das an mehreren Stellen zusammengeschnürt war.
Seine Familie hatte so viel Angst vor den „Soldaten der Berge“, dass sie sich anfangs nicht trauten, die Gebeine einzusammeln, und sie ließen ihn eine Zeit lang dort. Deshalb waren seine sterblichen Überreste schon zum Skelett geworden, als wir hingingen.

Der japanische Kommandant Kayama hatte sich ein 18-jähriges Mädchen aus dem Nachbardorf zur Frau genommen und schaltete und waltete, wie es ihm beliebte.
Von den Bewohnern wurde erwartet, dass sie ihm zum Dank für seinen Dienst Hühner und andere Geschenke brachten.

(Nach Kriegsende)
Wir waren wirklich sehr erleichtert, als der Krieg vorbei war.
Die US-Armee errichtete auf der Insel eine Garnison, die aus aneinandergereihten Zelten bestand. Wir gingen dorthin, um von den Soldaten Konserven zu bekommen oder Tauschhandel zu betreiben.
Dort wo heute die Oberschule von Kumejima ist, war früher die Truppen stationiert. Als die Amerikaner ihren Standort auflösten, hinterließen sie Petroleum in Ölfässern, welche die Leute aus dem Dorf in Zweier- und Dreier-Gruppen die Schotterstraße hinauf zur Siedlung rollten.

(Rückblickend auf den Krieg)
Es ist furchtbar, was man der Familie Tanigawa angetan hat. Sie waren alle, die Eltern und die Kinder, sehr warmherzige Menschen, wie man sie auf Okinawa kaum noch antrifft.

(Über den Frieden)
Wenn man in Frieden leben will, ist Reichtum eher ein Hindernis.